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Nackenschmerzen

Aktualisiert: 28. Okt. 2022

Wieviele Menschen sind von Nackenschmerzen betroffen?

Nackenschmerzen sind eine der häufigsten Muskuloskelettalen Pathologien. Mit einer Prävalenz von 30 bis 71% der Weltbevölkerung sind sie verantwortlich für eine enorm hohe Belastung des Gesundheitssystems. Innerhalb des ersten Jahres kehren über 50% zurück. Frauen, vor allem im mittleren Lebensalter sind häufiger von Nackenschmerzen betroffen.

In etwa 90% der Fälle sind Nackenschmerzen eine Empfindung, die keine strukturelle Schädigung aufweist. Etwa 8-9% aller Fälle gehen mit Missempfindungen wie Taubheit oder Lähmung einher. In nur 1% der Fälle liegt eine schwerwiegende Erkrankung vor, wie ein Tumor oder eine Fraktur.


„Eine falsche Bewegung und ich konnte den Kopf nicht mehr drehen….“

„Ich hab ein Mal im Durchzug gesessen, schon waren die Schmerzen da….“


Die meisten akuten Episoden von Nackenschmerzen haben eine gute Prognose und klingen so spontan ab, wie sie gekommen sind. Jedoch haben fast 50% der Betroffenen auch nach mehr als einem Jahr noch Symptome oder diese treten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder auf.

Diese Symptome haben sich meist chronifiziert und verändert, sind spontaner oder diffuser geworden und lassen sich nicht so richtig durch eine Bewegung reproduzieren.


Es gibt Arbeitsbereiche, die häufig in Verbindung mit Nackenschmerzen gebracht werden und auch nachweislich ein höheres Schmerzaufkommen zeigen. Allerdings steht dies oftmals nicht direkt nicht mit der Körperhaltung oder der Arbeit an sich in Verbindung, sondern mit Einflussfaktoren wie einer geringen Zufriedenheit, ein schlecht empfundenes Umfeld oder persönlichen Faktoren (Alter, Geschlecht, Grunderkrankungen).



2. Einteilung von Nackenschmerzen und diagnostische Verfahren


Sind die Beschwerden auf eine bestimmte Struktur zurückzuführen, spricht man von spezifischem Nackenschmerz, dieser ist deutlich seltener wie der unspezifische.

Der unspezifische Nackenschmerz ist nicht auf die Schädigung einer bestimmten Struktur zurückzuführen, sondern durch mehrere individuelle Faktoren bedingt.

Die Magnetresonanztomographie (MRT) dient als ärztliches diagnostisches Mittel. Jedoch sollte das MRT erst dann zum Einsatz kommen, wenn neurologische Symptome bestehen und oder/und bei nicht ansprechen auf die Behandlung. In einer großen Meta Anlayse, in der 31 Studien mit insgesamt 4031 Teilnehmern, über unspezifischen Nackenschmerz und Schleudertrauma inkludiert wurden, fand man heraus, dass Patienten mit Nackenschmerzen im MRT ähnliche Befunde zeigen, wie beschwerdefreie Patienten. Nur 10% der Menschen mit einer nachgewiesenen signifikanten Degeneration der HWS geben Schmerzen an - und sogar 90% der Menschen ohne Beschwerden zeigen eine Bandscheibenvorwölbung an der HWS. Diese werden dann im MRT als Zufalls- oder Nebenbefund ersichtlich.

In etwa 10% der Fälle liegen schwerwiegendere Erkrankungen vor, wie etwa Tumoren (1%) oder Frakturen (9%). Diese gehen jedoch mit weiteren Beschwerden einher. Aus diesem Grund ist die genaue Anamnese und eine körperliche Untersuchung inklusive Sicherheitstests ein wichtiger Bestandteil der Therapie und helfen uns Therapeuten eventuell „die Nadel im Heuhaufen“ zu finden.


3. Was es bedeutet und was es nicht bedeutet

Unspezifisch bedeutet nicht, dass die Schmerzen egal sind, sie keine Ursache haben oder gar eingebildet sind.

Unspezifisch bedeutet auch nicht, dass die Schmerzen psychosomatisch oder somatoform sind.

Unspezifisch bedeutet, dass es keinen akuten, dringend notwendigen Handlungsbedarf gibt, der langfristige Folgen verhindern muss. Ganz abgesehen von der Lebensqualität der Betroffenen, kostet der chronische Schmerz das Gesundheitssystem weltweit Millionen.

Unspezifisch bedeutet auch, dass beispielsweise das Gefühl eines verspannten Nackens wiederum durch multiple Faktoren beeinflusst werden kann, positiv wie auch negativ. Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass Katastrophisierung (sofortige, extreme, übertriebene negative Bewertung einer vermeintlich bedrohlichen Situation), Depression und Bewegungsangst die Schmerzprovokation wesentlich verschlechtert.



4. Inwiefern beeinflusst meine Haltung meine Schmerzen?

In einer Beobachtungsstudie über 3 Jahre kam es bei jungen Frauen mit einer sogenannten guten Haltung (aufrecht in der Brust- und Halswirbelsäule) im Vergleich zu einer schlechten Haltung (gekrümmt) häufiger zu langanhaltenden Nackenschmerzen. Häufig wird in verschiedenen Quellen darauf hingewiesen, dass die Belastung für den Nacken durch die Nutzung eines Smartphones enorm hoch sei und man sich mit dieser Haltung über lange Hinsicht schaden wird. Mittlerweile ist auch ein Riesen Markt entstanden, der sich speziell an Menschen richtet, die im Büro und am PC arbeiten, mit immer wilderen Theorien was mit ihren Schultern und Nackenbereichen passiert und den passenden Lösungen in Form von teuren Tools.

Richtig ist, dass wenig Bewegungsvariation, lang gehaltene Positionen (wie es bei der Arbeit im Büro tatsächlich der Fall sein kann) und wenig Ausgleich zu Problemen führen kann. Es gibt Arbeitsbereiche, die häufig in Verbindung mit Nackenschmerzen gebracht werden und auch nachweislich ein höheres Schmerzaufkommen zeigen. Wichtiger ist jedoch, dass die Verspannungen, die sich so bemerkbar machen, oftmals nicht direkt nicht mit der Körperhaltung oder der Arbeit an sich in Verbindung stehen, sondern mit Einflussfaktoren wie einer geringen Zufriedenheit, ein schlecht empfundenes Umfeld oder persönlichen Faktoren (Alter, Geschlecht, Grunderkrankungen) zusammenhängen. Bezüglich einer übermäßigen Nutzung des Smartphones kann man sagen, dass dies nicht im Zusammenhang mit der Prävalenz und der Häufigkeit von Nackenschmerzen, sowie der Intensität des Schmerzes steht.



5. Gibt es den Handynacken? Kann mir eine aufrechte Haltung helfen?

In einer Untersuchung von 18-21 jährigen konnte kein Zusammenhang zwischen dem Handynacken und Nackenschmerzen bei nachgewiesen werden. Die Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass die Haltung des Nackens während des Schreibens mit dem Handy mit der zunehmenden Prävalenz von Nackenschmerzen in Zusammenhang steht. Eine größere aktuelle Studie mit knapp 600 Teilnehmern, kam zu ähnlichen Ergebnissen. Der Handynacken steht nicht im Zusammenhang mit der Prävalenz von Nackenschmerzen, der Häufigkeit von Nackenschmerzen und der Intensität des Schmerzes.


6. Was kann ich dagegen tun?

Um die Frage zu beantworten, was man gegen Nackenschmerzen tun kann, muss man verstehen wie sich ein Schmerz- und Beschwerdebild zusammensetzt. Wenig abwechslungreiche Bewegung, Stress und Kummer, wenig oder nicht erholsamer Schlaf sowie eine ungesunde und unausgewogene Ernährung sind Faktoren, die uns physisch und psychisch beeinflussen können und ein Beschwerdebild negativ beeinlfussen. Ein ganz wichtiger Aspekt sind die eigenen „Beliefs“. Mehr dazu findest du unter den Punkt „Katastrophisierung“. Dass sich der Muskeltonus noch mehr steigert, wenn du trainierst und deine Schmerzen dadurch verschlimmert werden, ist eine veraltete Annahme, die leider immer noch häufig kursiert und kommuniziert wird. Denn ein „verspannter“ Muskel ist meist ein Muskel, der den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen ist und aktiv gestärkt werden sollte.


Bisher haben nicht außerordentlich viele klinische Studien die Behandlung von Nackenschmerzen untersucht. Bewegungstherapie scheint bei Patienten mit Nackenschmerzen von Vorteil zu sein und hat die stärksten positiven Belege für die Behandlung von Nackenschmerzen.


Eine Übersicht der AWMF Leitlinien (Stand 2016) fasst folgendes für die Therapie von unspezifischen Nackenschmerzen zusammen:


Diagnostik

Anamnese und körperliche Untersuchung

(Sicherheitstests) - keine Bildgebung ohne Hinweis auf spezifische Ursache oder anwendbar gefährlichen Verlauf

Akut

0-3 Wochen

NSAR, Frühe Wiederaufnahme der Aktivität, Bewegungsempfehlung, Mobilisation


Subakut

4 - 12 Wochen

NSAR, Physiotherapie, Mobilisation: Postisometrische Relaxation


> 12 Wochen

Physiotherapie, Mobilisation, Akupunktur, Erlernen von Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie



6. Katastrophisierung

Entscheidend für die Therapie von Schmerzen sind die eigenen Gedanken, Überzeugungen und das eventuell daraus resultierende Angst - und Vermeidungsverhalten. Wenn man nicht so genau weiss oder versteht, welche Struktur aus welchen Gründen Probleme macht, ist es natürlich, dass man sich sorgt und versucht diese Struktur zu schützen. Die eigene Recherche im Internet oder angsterzeugende Aussagen von Dritten kann die Problematik zusätzlich verstärken und die Entwicklung von chronischen Schmerzen beeinflussen.

Solltest du bereits seit einiger Zeit unter unspezifischen Schmerzen leiden, kann es also schon mal ein Schritt sein, zu hinterfragen, wie du bisher mit deinen Schmerzen umgegangen bist, welche Ängste dich diesbezüglich plagen. Bei einer akuten Problematik die scheinbar durch eine Bewegung entstanden ist, musst du dich in den wirklich meisten Fällen nicht sorgen. Die Schmerzen werden mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit von allein abklingen, Bewegung wird dir hier nicht schaden.


7. Integration in den Alltag

Es gibt verschiedene Varianten, deine Nackenschmerzen nachhaltig in den Griff zu bekommen. Eine kleine Studiengruppe, mit etwa 200 Teilnehmern (174 Frauen/24 Männer) im Jahr 2011, konnte herausfinden, dass bereits ein 2 Minütiges progressives Widerstandstraining am Tag dazu beitragen kann, Nackenschmerzen im Bezug auf Schmerzen und Empfindlichkeit klinisch relevant zu verringern.

Allgemein lässt sich aber sagen, dass ein regelmäßiges Training, in Kombination mit der oben erwähnten Lebensweise (Streß, Ernährung, Schlaf, Bewegung) deine Nackenschmerzen signifikant verbessern wird und meistens beeinflussen sich diese Faktoren gegenseitig.

Wichtig ist nicht, dass du dein Training jeden Tag immer gleich gestaltest. Das Ausgangsniveau, die Regelmäßigkeit und die Intensität sind entscheidender als die Frequenz. Der Einstieg ins Training sollte immer die Strategie verfolgen, Bewegungsausführung zu finden ohne dass du in den anschließenden 24 Stunden nach dem Training Schmerzen hast. Das Training sollte außerdem dann sukzessive gesteigert werden.


8. Wie stark ist stark genug?

Die Frage die sich jeder irgendwann stellt, ist - wie stark ist denn jetzt stark genug? Wie weit muss ich das Gewicht erhöhen um in einer guten Ausgangsposition zu sein?

Hierzu wird ein eigener Blog Eintrag erscheinen. Bleib also dran!


9. Wie sieht so eine Behandlung bei SLOW aus?

Wenn du mit deinen Nackenschmerzen zu uns in die Behandlung kommst, kannst du dich auf folgendes einstellen:








Quellen:

Andersen et al., Effectiveness of small daily amounts of progressive resistance training for frequent neck/shoulder pain: randomised controlled trial. Pain 2011;152(2):440–6. Epub 2010 Dec 21“, 2011).


AWMF Leitlinien Nackenschmerzen


Childress MA, Stuek SJ. Neck Pain: Initial Evaluation and Management. Am Fam

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